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2 Grundlagen

 
 

2.1 Lernen im sinnstiftenden Kontext

 
 

2.1.1 Definition und Erläuterung [5]

 
  Lernen im sinnstiftenden Kontext findet dann statt, wenn sich dem Lernenden die Sinnfrage ("Wozu soll ich das lernen, wenn ich nicht Physiker/Ingenieur werden will?") nicht mehr stellt.

Das ist dann der Fall, wenn der Lernende die zu erwerbenden Kompetenzen mühelos in seinen Erfahrungsraum, in seinen Wertvorstellungen und seine Interessensphäre einordnen kann.

Unter dieser Bedingung erweitern und differenzieren neu erworbene Kompetenzen nicht nur das verfügbare Wissensrepertoire, sondern sie erzeugen die Motivation, Erkenntnis- Handlungs- und Lebensziele im Licht der neuen Erfahrungen zu bewerten und zu verändern.

 
     
 

2.1.2 Fazit

 
  Ein Physikunterricht, der am Lernen im sinnstiftenden Kontext orientiert ist, bewirkt bei den Lernenden ein nachhaltiges Interesse an und Wissen über Physik.  
     
 

2.2 Klassifikation von Wissen

 
  Die Basis der Kontextorientierung im Physikunterricht ist die Art des Wissens, nach der gestrebt wird. Muckenfuß unterscheidet zwei Arten von Wissen: das Verfügungswissen und das Orientierungswissen.  
     
 

2.2.1 Verfügungswissen [6]

 
  Verfügungswissen bezeichnet das Kompetenzgefüge aus instrumentellem Wissen, fachlichem Können und den in naturwissenschaftlich-technisch orientierten Berufen geforderten Tugenden.

Instrumentelles Wissen bezeichnet die Kenntnis grundlegender Begriffe, Definitionen, Gesetze und Verfahren.

Fachliches Können bedeutet die Beherrschung fachlicher Methoden, wie z.B. Größen messen, mit Formeln umgehen, Werte berechnen, u.s.w.

Als Tugenden gehören die Sekundärtugenden zum Verfügungswissen, wie z.B. Sorgfältigkeit, Sachlichkeit, Geduld, Zielstrebigkeit, Teamfähigkeit, Selbstdisziplin, Konzentrationsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft, Rücksichtnahme, Gründlichkeit, Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Ehrfurcht vor wissenschaftlichem Denken und großen Geistern, u.s.w.

Ein wesentliches Charakteristikum von Verfügungswissen ist, wie der Name schon sagt, die 'Verfügbarkeit', und zwar in zweifacher Hinsicht: zum einen ist das Wissen, zum anderen auch der Wissende verfügbar, benutzbar, verwendbar, einsetzbar, brauchbar, u.s.w., und zwar wertfrei, also sowohl zum 'Guten' (z.B. Herstellung medizinischer Geräte), als auch zum 'Bösen' (z.B. Herstellung von Waffen).

Die Zuordnung von Wissen zum Verfügungswissen ist unabhängig vom Wissenden eine Eigenschaft des Wissens selbst.

 
     
 

2.2.2 Orientierungswissen [7]

 
  Orientierungswissen bezeichnet das Kompetenzgefüge, das zur Klärung der Beziehung Mensch/Natur erforderlich ist.

Als Kenntnisse stehen hier Inhalte im Vordergrund, die Aufschlüsse über die menschliche Existenz geben können, deren Verwobenheit mit den Naturgesetzen, über die Eingriffsmöglichkeiten des Menschen mit seinen Chancen und Risiken, über die Veränderungen, die durch Wissenschaft erzeugt wurden und künftig möglich sind. Insbesondere geht es dabei um Wahrnehmung, Lebensziele, Natur, Kultur, Historie, Sinn- und Wertfragen, u.s.w.

Können bedeutet im Rahmen des Orientierungswissens Diskursfähigkeit, verständige Lese- und Aufnahmefähigkeit naturwissenschaftlicher Texte, denkendes Beobachten, die Fähigkeit an Auseinandersetzungen über naturwissenschaftliche Sachverhalte im Alltag aktiv partizipieren zu können, die Fähigkeit zu quantitativen Aussagen auf der Basis von Abschätzungen, die Fähigkeit zum Schließen von Einzeldaten auf größere Zusammenhänge, u.s.w.

Als Tugenden gehören die Primärtugenden zum Orientierungswissen, wie z.B. moralische Urteilsfähigkeit, Aufgeschlossenheit, politisches Engagement, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, u.s.w.

Ein wesentliches Charakteristikum von Orientierungswissen ist, wie der Name schon sagt, die 'Orientierung' des Subjektes in der Objektwelt (=Natur), und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen als Teil der Natur, zum anderen als Gegenüber der Natur.

Die Zuordnung von Wissen zum Orientierungswissen ist abhängig vom Wissenden und damit keine Eigenschaft des Wissens selbst. Die Grundlage eines am Orientierungswissen orientierten Unterrichts ist somit die Schnittmenge der verschiedenen Orientierungswissensthemen der verschiedenen Schüler einer Klasse/eines Kurses.

 
     
 

2.2.3 Anmerkungen zum Orientierungs- und Verfügungswissen

 
 
  • Ein Wissensgebiet gehört zum Verfügungswissen, wenn es 'verfügbar' ist. Es gehört zum Orientierungswissen, wenn es die 'Orientierung' in der Welt unterstützt. Diese Zuordnungen sind ungenau, zum Teil subjektiv und hängen unter anderem auch von der Gewichtung der zugehörigen fachsystematischen, kulturellen, historischen und erfahrungsrelevanten Aspekte ab. Muckenfuß selbst hat z.B. zur Zuordnung des 'freien Falls' zu Verfügungs- und Orientierungswissen gesagt [8]:

    "Spontan würde ich sagen, daß es sich um Verfügungswissen handelt, dessen Werkzeugcharakter Vorgänge während des Falles deutlich machen und das evtl. zweckmäßig verwendet werden kann.

    Zum Orientierungswissen könnte das Thema freier Fall werden, wenn an den konkreten historischen Texten von Galilei deutlich wird, wie sehr sich das Weltbild der Menschen durch die Annahme der Existenz eines luftleeren Raumes und die Idee reibungsfreier Bewegungen verändert hat.

    Da kann dann deutlich werden, wie sehr wir bei der Entfaltung von Deutungen unserer Erfahrung von Ideen abhängig sind, die das konkret Messbare und Beobachtbare übersteigen - gewissermaßen sind es Visionen vom empirisch Gegebenem, die die Erfahrung übersteigen und damit neue Erfahrungen ermöglichen.

    Die klassische Mechanik hat das Denken, die Visionen und Handlungsziele der ganzen Menschheit verändert. Deshalb hat sich die Kirche dagegen gewehrt ... also in diese Richtung wäre zu denken, wenn es darum geht, wie die Fallgesetze in einen Rahmenkontext einzubinden wären."

Bemerkung: Ein dafür geeigneter Rahmenkontext 'Erkenntnistheorie' ist im Lehrplan 'Physik' nicht vorgesehen.

  • Notwendige Voraussetzung für das Aneignen von Orientierungswissen ist das jeweils zugehörige Verfügungswissen. Ohne dieses Verfügungswissen bleibt die Orientierung oberflächlich und ähnelt einem bloßen 'Herumtappen' [9]. Deshalb bleibt das Verfügungswissen ein wichtiges Ziel des Physikunterrichts.
 
     
 

2.2.4 Fazit

 
  Wenn das Orientierungswissen im Mittelpunkt des Physikunterrichts steht, dann findet Lernen im sinnstiftenden Kontext statt.

Das jeweils notwendige Verfügungswissen wird dabei miterworben.

 
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